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Season 1

Episode 2

Dicke Schneeflocken tanzten in chaotischen Wirbeln vor dem bleiernen Himmel über der Stadt und folgten auf ihrem Weg dem eisigen Wind, der von den Berggipfeln ins Tal wehte. Wie ein ungestümer Dirigent lenkte er das winterliche Treiben. Er ließ die alten Schindeln auf den Dächern in einem klappernden Stakkato erzittern und zerrte an den Ästen der Bäume, die unter der Last des Neuschnees ächzten. Die Kälte, die der Wind mit sich brachte, kroch seit Tagen unaufhörlich durch jede Ritze und ließ die Menschen in ihren dicken Jacken frösteln, während sie sich mühsam ihren Weg durch die verschneiten Straßen bahnten.

Rund um die Stadt im Tal war das öffentliche Leben schon seit Tagen fast völlig zum Erliegen gekommen. Schnee und Frost hatten viele von Florians vorweihnachtlichen Erledigungen zu einer gefährlichen Fahrt über unpassierbare Straßen werden lassen. Nur hier im Zentrum der Stadt trotzten die Menschen noch dem Winter und wagten sich, dick vermummt, aus der Geborgenheit ihrer vier Wände.

Am letzten Wochenende vor den Feiertagen herrschte in den Königstaler Einkaufsstraßen Hochbetrieb. Die Menschen strömten in die Geschäfte, um die letzten Besorgungen vor dem Weihnachtsfest zu erledigen. Dicht an dicht drängten sie sich an Florian vorbei und verschwanden in den überfüllten Läden. Zitternd stand er etwas abseits und beobachtete das Treiben. Seine Tochter warf neben ihm immer wieder sehnsüchtige Blicke in die prächtig dekorierten Schaufenster des Spielzeugladens, aus dem er sie nur mit viel Geduld hatte herauslocken können. Hinter jeder Ecke hatte sie neue Schätze entdeckt, die ihr begeisterte Ausrufe entlockten und zu spontanen Anpassungen ihres Wunschzettels führten. Doch irgendwann war auch die größte Entdeckerin müde und Mia endlich bereit, den Laden zu verlassen.

Ein eisiger Windstoß fegte heulend über die Straße und trieb die Passanten noch schneller an ihnen vorbei. Florian wippte ungeduldig von einem Bein auf das andere, während er mit Mia auf seinen Vater wartete. Er hatte kurz vor dem Ausgang noch einen Freund getroffen und schien seine frierende Familie vor dem alten Fachwerkhaus vergessen zu haben.

Endlich öffnete sich die Ladentür und Mia rannte ohne zu zögern auf ihren Opa zu, der ihr von der Schwelle aus zuwinkte. Der starke Wind erfasste sein lockiges graues Haar, das im Schein der Weihnachtsbeleuchtung über ihm einen rötlichen Schimmer angenommen hatte, und ließ es wie die Flammen eines knisternden Lagerfeuers tanzen. Mal schossen die Strähnen hoch in die Luft, dann schmiegten sie sich eng aneinander, als suchten sie Schutz vor den heftigen Böen. Ein erstaunter Blick huschte über sein Gesicht, als ihn die eisige Kälte so stürmisch begrüßte, und mit einer schnellen Bewegung zog er sich den Schal fester um den Hals.

Florian nahm seine Tochter an die Hand und sie gingen eilig die Straße entlang nach Hause. Immer wieder zählte sie die Dinge auf, die sie im Laden gesehen hatte und die sie nun unter dem Weihnachtsbaum haben wollte. Lächelnd hörte er ihr zu, während er versuchte, nicht mit den kleinen Gruppen zusammenzustoßen, die plötzlich die Straßenseite wechselten und ihren Weg kreuzten.

Aus den Augenwinkeln bemerkte Florian, dass ihm auf der anderen Straßenseite ein paar Leute zuwinkten. Im Schneegestöber versuchte er vergeblich, sie zu erkennen, winkte aber im Vorbeigehen höflich zurück. Auf keinen Fall wollte er noch einmal anhalten.

Florian ließ die Hand wieder sinken und griff überrascht ins Leere, wo eben noch der rote Bommel von Mias Mütze hin und her gehüpft war. Er blieb stehen und ignorierte die irritierten Bemerkungen einiger Passanten hinter ihm, die beinahe mit ihm zusammengestoßen wären.

Wo war Mia?

Florian reckte den Hals und suchte nach ihrer bunten Jacke, während sein Herz laut in den Ohren pochte und das allgegenwärtige Gedudel der Weihnachtsmusik aus den Geschäften übertönte. Verärgert schnaubte er - Mia wusste genau, dass sie nicht einfach weglaufen durfte! Für einen kurzen Moment entdeckte er sie zwischen einigen Gruppen, die sich angeregt neben einem der vielen Weihnachtsbäume auf der Straße unterhielten. Dann verschwand sie wieder in der Menge.

Florian kämpfte sich durch den Strom der Passanten in ihre Richtung, während ein leises Grollen in seiner Kehle aufstieg. Immer wieder streckte er sich, rief ihren Namen und schob sich im dichten Gedränge voran. Endlich tauchte Mia mit ihrer leuchtenden Mütze hinter einem älteren Ehepaar auf, das gerade die Auslage eines Puppenladens studierte. Als hätte sie seinen Blick gespürt, drehte sie sich zu ihm um und winkte ihm zu. Mit einem ernsten Fingerzeig gab Florian ihr zu verstehen, dass sie zu ihm kommen sollte.

„Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du nicht einfach so verschwinden sollst?“, schimpfte Florian, als Mia vor ihm stand. Sie warf ihm einen schuldbewussten Blick zu und schmiegte sich an ihn. Florians Wut verflog so schnell, wie sie gekommen war, und ein schlechtes Gewissen machte sich in ihm breit. War er zu hart zu ihr gewesen? Sie war schließlich nur wenige Meter von ihm entfernt gewesen. Entschuldigend lächelte er, zog Mia in seine Arme und sog den fruchtigen Duft ihres Shampoos ein. Es fiel ihm jedes Mal schwer, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass Mia bald wieder für ein paar Monate weg sein würde.

„Papa, du erdrückst mich!“, protestierte Mia an seinem Ohr und löste sich aus seiner Umarmung. Florian räusperte sich, strich ihr über die Mütze und ging Hand in Hand mit ihr zu seinem Vater zurück.

„Da seid ihr ja endlich“, begrüßte sie Florians Vater mit einem erleichterten Lächeln. „Ich dachte schon, ihr hättet euch verlaufen.“ Er zwinkerte Mia zu, die kichernd den Kopf schüttelte.

„Niemals! Außerdem will ich jetzt endlich zurück! Mir ist kalt“, rief Mia ihm entgegen und stapfte los.

„Außerdem habt ihr mir versprochen, heute noch meinen neuen Schrank in mein Zimmer zu tragen“, fügte sie nach einer kurzen Pause quengelnd hinzu und warf ihnen einen fordernden Blick zu. Sie hatte Florian in den letzten Tagen immer wieder damit in den Ohren gelegen, seit sie erfahren hatte, dass sein Vater den alten Schrank bei ihm im Keller gefunden hatte und ihn vorbeibringen wollte.

Sie gingen weiter und nach wenigen Minuten kamen sie endlich zu der kleinen Straße, in der sein Buchladen warm und gemütlich auf sie alle wartete.

Der Wind fegte um die Häuserecken und peitschte ihnen eisige Kristalle ins Gesicht, die sich wie feine Nadeln in die Haut bohrten. Florians Vater rief gegen den heulenden Wind an: „Dann lass uns schnell nach Hause gehen. So ein Schrank trägt sich nicht von selbst!“ Er deutete auf das schmale Fachwerkhaus, in dem Florian wohnte und arbeitete, und folgte Mia lachend, die mit einem aufgeregten Schrei losgelaufen war.

Florian eilte ihnen nach und holte sie schnell ein. Es dauerte nicht lange, bis sie die schmale Ladentür erreichten, deren dunkler Lack an einigen Stellen schon wieder Risse aufwies, obwohl er sich noch gut an seine letzte Streichaktion erinnern konnte. Als er die Klinke herunterdrückte, fielen ein paar dunkle Flocken der alten Farbe herunter. Um eine Renovierung würde er wohl nicht herumkommen.

Die alte Tür protestierte quietschend und knarrend in den Angeln, als sie gegen ihren Willen geöffnet wurde. Ein Tropfen Öl könnte hier nicht schaden, schoss es ihm durch den Kopf. Er machte sich eine mentale Notiz für den kommenden Frühling, froh, dass das Wetter ihm genügend Ausreden lieferte, um sich nicht sofort um die liegen gebliebenen Dinge kümmern zu müssen. Noch bevor das Glöckchen über der Tür seine Ankunft ankündigen konnte, ertönte ein fröhliches „Hallo“ aus dem warmen Verkaufsraum. Der vertraute Geruch von Staub und alten Büchern wehte ihm entgegen.

Elsa blickte nur kurz mit glasigem Blick von ihrem Buch auf, ein abwesendes Lächeln umspielte ihre Lippen. Ihre Wangen waren von der aufregenden Lektüre leicht gerötet, und eine dunkle Lockensträhne tanzte vor ihren Augen auf und ab. Dann vertiefte sie sich wieder in die Abenteuer von Alex Starbright, die sie innerhalb weniger Stunden verschlang, sobald sie einen neuen Band in die Hände bekam.

Florian lächelte.

Er kannte diesen konzentrierten Gesichtsausdruck nur zu gut und verstand Elsas Begeisterung. Auch er hatte schon ganze Nächte mit dem geheimnisvollen Helden unter der Bettdecke verbracht und war am nächsten Tag mit tiefen Augenringen im Laden gestanden. Er beneidete sie darum, dass sie noch einige Bände vor sich hatte. Er war schon lange auf das nächste Abenteuer des jugendlichen Helden aus einer fremden Welt gespannt, doch seit einiger Zeit blieb der Nachschub aus, und im Internet spekulierten die Fans bereits, ob der unbekannte Autor überhaupt noch etwas schreiben würde.

Plötzlich fegte ein kalter Windstoß an Florian vorbei und drang heulend durch die offene Tür in die Buchhandlung. Papier raschelte auf dem Schreibtisch neben dem Eingang und Mias handgemalte Kunstwerke der letzten Tage wirbelten durch die Luft. Elsa schrie erschrocken auf und versuchte, so viele Blätter wie möglich zu retten, bevor sie vom Tisch flogen. Mia rannte panisch ihren Bildern hinterher, versuchte sie aus der Luft zu fangen, doch sie wirbelten raschelnd an ihr vorbei auf die Straße, wo der Wind sie erfasste und mit sich riss. Florian schloss schnell die Tür und nahm seine leise schluchzende Tochter in die Arme. Aus den Augenwinkeln sah er, wie die flüchtigen Blätter vom heftigen Wind in den Himmel gewirbelt wurden und im Schneegestöber verschwanden.

Unruhig baumelten die bunten Sterne und Engel ihrer Weihnachtsdekoration an langen Fäden von der Decke, wo Florian sie in einer halsbrecherischen Aktion angebracht hatte. Mia hatte darauf bestanden, nachdem sie bereits die Räume ihrer Wohnung über dem Laden mit einem Heer glitzernder Folienwesen geschmückt hatte. Jeden Abend, wenn er auf seinem abendlichen Rundgang Türen und Fenster kontrollierte, ließen ihn ihre leichten Bewegungen und Lichter erschrocken zusammenzucken.

Elsa warf Mia einen mitfühlenden Blick zu und reichte ihr wortlos ein Taschentuch. Florian ging zu ihr und strich ihr zärtlich durch ihr feines blondes Haar, während sie schniefte. Stundenlang hatte sie an den Bildern gearbeitet, jedes ein kleines Kunstwerk, das ein Abenteuer von Elsas Helden einfangen sollte.

Mia ging um den Schreibtisch zu Elsa und schnäuzte sich laut in ihr Taschentuch.

Liebevoll wischte Elsa ihr die letzten Tränen aus dem Gesicht und umarmte sie herzlich. „Hier, schau mal. Die meisten konnte ich retten … und vielleicht kannst du mir ja ein paar neue malen, wenn du zu Hause bist und sie mir schicken? Ich liebe Briefe!“, sagte sie tröstend. Mia nickte und ein strahlendes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

Florian schluckte den Kloß im Hals hinunter, dankbar, dass er Elsa als Teilhaberin für den Laden gefunden hatte. Sie hatte mit ihrem Geld nicht nur dafür gesorgt, dass sie einige notwendige Reparaturen bezahlen konnten, sondern war in den wenigen Monaten zu einem festen Bestandteil des Ladens geworden. Sogar sein Vater, der alles andere als ein Fan von Florians Plan gewesen war, hatte ein Lächeln für sie übrig.

An der holzvertäfelten Wand hinter dem Schreibtisch hingen Bilder von Generationen seiner Familie, die vor ihnen hier ihre Dienste angeboten hatten. Früher war das Haus eine Apotheke gewesen, dann das Atelier eines wenig bekannten Künstlers und nun, seit seinem Großvater, eine Buchhandlung. Sie alle waren ihrem Herzen gefolgt, und dieser Ort hatte sich ihren Träumen angepasst und ihnen ein Zuhause gegeben. Eine flüchtige Welle der Unsicherheit erfasste Florian. War er wirklich dazu bestimmt, diese Tradition fortzuführen, oder trug er nur die eingelaufenen Schuhe der anderen?

Sein Blick blieb an dem vergilbten Foto seines Großvaters hängen, der stolz vor seinem Laden stand und breit in die Kamera lächelte. Sein Arm lag auf den Schultern seines jüngeren Ichs. An seine Brust drückte er einen Stapel Bücher. Bücher, die heute einen besonderen Platz in seiner Wohnung einnahmen. Es waren die ersten Bände von Alex Starbright, die sein Großvater vom Autor hatte signieren lassen und die er ihm kurz vor seinem Tod geschenkt hatte.

Florian schluckte schwer, als die Erinnerungen an seinen Großvater in ihm aufstiegen. Sein Lächeln, seine Umarmungen, seine weisen Worte – all das hatte Florian geprägt und ihm Halt gegeben. Aber konnte er seinem Erbe gerecht werden? Zweifel nagten an ihm, während er auf das Foto starrte und versuchte, in den Augen seines Großvaters eine Antwort zu finden.

Er räusperte und fokussierte seinen Blick zurück zu Elsa. „Waren noch viele Kunden hier?“, fragte er betont beiläufig, während er die letzten Blätter vom Boden aufhob, die halb unter eines der schweren Regale gerutscht waren, und sie zu den anderen auf den Schreibtisch legte.

Elsa zuckte leicht zusammen, als er sie ansprach, sichtlich bemüht, sich aus dem Sog der Geschichte zu befreien. „Nur ein paar Touristen und Frau Bauer“, murmelte sie kauend, ohne den Blick von dem Buch zu nehmen, das den Weg zurück in ihre Hände gefunden hatte. „Sie kommt später noch einmal wieder. Hat irgendwas von einem Weihnachtsgeschenk für ihre Tochter erzählt.“

Vor ihr, auf den eingesammelten Bildern, stand eine ihrer vielen Keksdosen, als wolle sie die gestapelten Papiere an einem weiteren Fluchtversuch hindern. Blind griff sie hinein, und Florian konnte sich kaum einen Tag vorstellen, an dem Elsa keine Kekse in den Händen hielt. Warum sie trotzdem so zierlich blieb, war ihr Geheimnis.

Die Holztreppe im hinteren Teil des Ladens knarrte laut, als Mia auf halbem Weg zur Wohnung stehen blieb und laut mit dem Fuß aufstampfte. „Papa, komm endlich!“, rief sie ungeduldig. „Du hast es mir versprochen!“

Sie hatte die Arme wieder in die Hüften gestemmt, eine Geste, die bei ihr in Mode war und universell anwendbar schien. Ohne eine Antwort abzuwarten, stampfte sie die letzten Stufen zur Wohnung hinauf.

Florians Blick blieb an dem massiven Eichenschrank hängen, der vor Jahren in seinem Kinderzimmer gestanden und die letzten Jahre sein Dasein im Keller seiner Eltern gefristet hatte. Seine abgegriffene Oberfläche und die eingeritzten Bilder weckten verblasste Erinnerungen an unbeschwerte Tage, die er am liebsten mit einem Stapel Bücher in seinem Zimmer verbracht hatte.

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er an die vielen Stunden dachte, die er mit einer Taschenlampe und einem Buch in diesem Schrank verbracht hatte, um dem Küchendiensten seiner Mutter zu entkommen.

Er seufzte. Sein Wunsch war leider nicht erhört worden. Das sperrige Möbelstück hatte leider nicht auf magische Weise seinen Weg von selbst nach oben gefunden, während sie auf dem Weihnachtsmarkt waren. Er deutete mit einer Hand auf den klobigen Holzkasten und warf seinem Vater einen fragenden Blick zu.

„Es nützt wohl nichts“, brummte er und stellte sich mit hochgekrempelten Ärmeln neben den Schrank.

Mit lautem Stöhnen hievten sie ihn hoch und kämpften sich Stufe für Stufe die viel zu schmale Treppe hinauf zur Wohnung. Immer wieder stießen sie gegen das Geländer und hinterließen neue Kerben im alten Holz.

„Das mach ich nicht noch mal!“, keuchte Florian außer Atem und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn, als sie die erste Hälfte der Treppe bezwungen hatten und eine Verschnaufpause einlegten. „Wenn du das nächste Mal etwas loswerden willst, verbrenn es einfach!“

Sein Vater brach hinter dem großen Möbelstück in schallendes Gelächter aus, und für einen Moment schwankten sie bedrohlich auf der Treppe, während er keuchend nach Luft schnappte.

„Was gibt’s da zu lachen?“, knurrte Florian.

Er hörte das amüsierte Glucksen seines Vaters, und plötzlich tauchte sein Kopf hinter dem Schrank auf, ein breites Grinsen im Gesicht, das seine Augen jugendlich funkeln ließ. „Dein Opa hat damals genauso geflucht, als wir den Schrank die Treppe hoch in dein Zimmer geschleppt haben“, erinnerte er sich.

Ein wehmütiges Lächeln umspielte die Lippen seines Vaters, als er liebevoll über das alte Eichenholz strich. Sein Blick verschleierte sich für einen Moment und schien in längst vergangene Zeiten abzudriften. „Du hast viel von ihm, weißt du das?“, sagte er leise, und seine Augen glänzten verdächtig.

Vor Florians innerem Auge tauchte kurz das Bild seines Großvaters auf - sein verschmitztes Lächeln, seine herzliche Umarmung, sein schallendes Lachen. „Keine Angst, Großer“, hörte er ihn liebevoll sagen, als er sich ängstlich am Flugplatz von ihm verabschiedete. „Manchmal muss man mutig sein, um etwas Neues zu erleben.“

Es war das letzte Mal, dass Florian mit ihm gesprochen hatte, bevor sein kleines Flugzeug in den Bergen verschwand.

Florian räusperte sich und versuchte, den wachsenden Kloß in seinem Hals loszuwerden. Mit aller Kraft rief er sich das Mantra seines Großvaters ins Gedächtnis, das ihm schon so oft Halt gegeben hatte. Er durfte jetzt nicht die Nerven verlieren.

„Na gut“, sagte er mit belegter Stimme und rang sich ein schiefes Lächeln ab. „Aber nächstes Mal nimmst du die schwere Seite!“

Sein Vater lachte mit feuchten Augen und zog sich wieder auf seine Seite des Schrankes zurück. Keuchend und leise fluchend schoben sie ihn die letzten Stufen hinauf, wo Mia schon ungeduldig im Flur wartete und aufgeregt vor ihnen her in ihr Zimmer lief.

Als sie den Schrank atemlos an die Wand neben der Tür stellten, betrachtete Mia neugierig das neue Möbelstück. Florian wischte sich mit dem Arm den Schweiß von der Stirn und ließ sich erschöpft neben seinen Vater auf das Bett seiner Tochter fallen.

Langsam ging Mia von Schublade zu Schublade, öffnete sie und widmete sich einer anderen, wenn sie enttäuscht feststellte, dass sie leer war. Sofort begann sie zu überlegen, was sie alles hineinlegen könnte und wühlte in ihren gepackten Reisetaschen herum.

„Moment mal“, mahnte Florian, „du räumst doch nicht wieder alles aus, kurz bevor Mama kommt, oder?“

„Nein, nein“, murmelte Mia halbherzig, „ich will nur sehen, wie es aussieht.“

Florian war von ihrer Antwort wenig überzeugt und sah schon das Chaos vor sich, das sie anrichten würde, wenn sie anfing, ihre Taschen wieder auszuräumen.

Florians Vater lehnte sich schwer atmend auf dem Bett zurück. Auf seinem Gesicht hatten sich dicke Schweißperlen gebildet, die im Schein der Deckenlampe wie kleine Perlen auf seiner Haut glitzerten. Mit den Augen folgte er Mia, die langsam von einer Seite des Schrankes zur anderen ging, scheinbar auf der Suche nach Verstecken oder Geheimnissen.

Langsam und sorgfältig tastete Mia mit ihren kleinen Händen die Oberfläche ab. „Mia, vergiss nicht, die Innenseiten der Schubladen abzutasten“, ermunterte Florians Vater sie. „Vielleicht gibt es dort eine versteckte Klappe, hinter der sich etwas verbirgt.“

Mia drehte sie sich mit aufgeregt aufgerissenen Augen zu ihm um. Florian gluckste amüsiert, als sie plötzlich mit einer kleinen Faust jeden Zentimeter der offen stehenden Schubladen bearbeitete, ein Ohr dicht am Holz, um zu lauschen. Er gönnte Mia ihr kleines Abenteuer, auch wenn sie wahrscheinlich enttäuscht sein würde, wenn sie nichts finden würde.

Für einen kurzen Moment schmerzte Florian die plötzliche Erkenntnis, dass die gemeinsame Zeit mit Mia bald wieder vorbei war. Er zwang die Gedanken zurück in die dunkle Ecke seines Bewusstseins, aus der sie gekommen waren. Es würde noch genug Zeit bleiben, um sich selbst zu bemitleiden, wenn Mia weg war. Er schluckte und merkte erst jetzt, wie trocken seine Kehle war. Seinem Vater musste es nach der Anstrengung auch nicht besser gehen. Schnell stand Florian auf, wischte sich im Gehen mit dem Ärmel über die schweißnasse Stirn und verließ mit schnellen Schritten das Kinderzimmer in Richtung Küche.

Das regelmäßige Klopfen von Mia drang hier nur noch leise zu ihm. Schnell füllte er die Gläser und warf einen flüchtigen Blick auf sein Handy, auf dem eine Nachricht von Kathi zu lesen war: „Bin in 15 Minuten bei euch!“

Florian hielt einen Moment inne, ein schwerer Seufzer entwich ihm, als er die Nachricht verarbeitete. Fünfzehn Minuten. Kathi kam früher als erwartet. Wieder tauchte der diffuse Schmerz in seiner Brust auf. Wieder verbannte er die Gefühle wieder zurück in die dunkle Ecke und straffte seine Schultern, bevor er mit den gefüllten Gläsern die Küche wieder verließ.

Aus dem Kinderzimmer drangen Mias angestrengtes Keuchen und das bedrohliche Knarren des alten Schranks an sein Ohr. Wenn er nicht aufpasste, würde sie ihn auf sich stürzen lassen.

Mias Kopf war schon ganz rot vor Anstrengung. Mit aller Kraft zerrte sie am Griff einer Schublade, die sich zwar nicht aus dem Schrank bewegte, aber das ganze Möbelstück gefährlich ins Wanken brachte. „Komm schon, du blödes Ding“, presste sie zwischen den Zähnen hervor und rüttelte sichtlich frustriert an dem Griff, der sich keinen Millimeter bewegte.

Die Knöchel ihrer Hände traten weiß hervor, und mitten auf ihrer Stirn hatte sich eine tiefe Falte gebildet, während sie keuchend zog und zerrte und wilde Verwünschungen ausstieß. Überrascht von der blumigen Ausdrucksweise seiner Tochter, runzelte Florian die Stirn. Woher hatte sie nur diese Flüche?

„Mia, sei vorsichtig. Und diese Ausdrucksweise will ich hier nicht hören“, warnte Florian seine Tochter, die seinen Einwand jedoch zu ignorieren schien und mit der Faust auf die widerspenstige Schublade einschlug. Seufzend wurde ihm klar, dass er sich wohl daran gewöhnen musste, dass Mia immer öfter ihren eigenen Kopf durchsetzte. Ein flüchtiges Lächeln huschte über seine Lippen, als er daran dachte, dass Kathi einen großen Teil davon abbekommen würde. Das Lächeln wurde zu einem breiten Grinsen, als Mia vom Griff der Schublade rutschte und wie ein Käfer auf dem Rücken landete.

Florians Vater räusperte sich und schaute auf das Glas in Florians Hand. Dankbar nahm er es entgegen und leerte es gierig in einem Zug. Zufrieden stöhnend wischte er sich mit dem Handrücken über den Mund und stellte das Glas mit einem lauten Knall auf den Nachttisch, bevor er sich von der Bettkante gleiten ließ und sich neben Mia vor die Schublade setzte, offenbar genauso aufgeregt, endlich etwas gefunden zu haben, das er mit dem Werkzeug aus seinem Werkzeugkasten im Flur reparieren konnte.

„Lass mich mal“, bot Florians Vater an und schob Mia sanft zur Seite, um an die Schublade zu gelangen. Mia zögerte einen Moment, kaute gedankenverloren auf ihrer Unterlippe und schien über sein Angebot nachzudenken. Schließlich nickte sie und machte Platz.

Florians Vater begann sofort ebenso heftig an der Schublade zu ziehen wie Mia zuvor. Sein Mund war leicht geöffnet, die Zungenspitze glitt immer wieder über die Lippen, während er nach dem Grund für das Klemmen suchte. In seinen Augen blitzte die Freude eines Mannes auf, der es liebte, Dinge zu reparieren – auch wenn er sie zuvor oft selbst beschädigt hatte.

„Es klemmt“, kommentierte er mit hochrotem Kopf. Schweißtropfen rannen ihm von der Stirn und hinterließen eine glänzende Spur.

„Ach, wirklich?“, entgegnete Florian mit einem Grinsen, ließ sich auf Mias Bett fallen und beobachtete, wie die beiden sich mit der widerspenstigen Schublade abmühten.

Knurrend, fluchend und laut schnaufend versuchte Florians Vater die Oberhand über das Möbelstück zu gewinnen. Er stemmte die Füße gegen den Schrank und zerrte mit aller Kraft am Griff. Ein ohrenbetäubendes Knirschen und Quietschen ertönte, als die Schublade plötzlich nachgab. Erschrocken keuchend verlor er den Halt und landete wie ein großes Insekt auf dem Rücken. Mia jauchzte vor Freude und auch Florian spürte, wie sein Herz schneller zu schlagen begann. Sein Vater rappelte sich auf und rieb sich den Staub von den Händen.

Vorsichtig beugte er sich über die halb geöffnete Schublade, die wie eine träge Zunge aus dem Schrank ragte, als wollte sie jeden Moment zuschnappen. Florians Vater schob seinen Arm tief in die Dunkelheit. In seinem Gesicht lag ein konzentrierter Ausdruck. Eine tiefe Falte auf seiner Stirn glänzte schweißnass im Schein der Deckenlampe.

„Oh!“, entfuhr es seinem Vater überrascht und mit einem letzten kräftigen Ruck zog er eine verbeulte, in die Jahre gekommene Blechdose aus den Tiefen des Schrankes. Rötlich-brauner Rost bedeckte den Deckel und die ehemals bunte Bemalung war nur noch schemenhaft an einigen Stellen zu erkennen.

„Zeig doch mal!“, rief Mia außer sich, griff gierig nach der Dose und zog sie an sich. Hektisch schüttelte sie die Dose an einem Ohr, etwas klapperte und rasselte in ihrem Inneren. Ihre Wangen glühten vor Aufregung und auch Florian schlug das Herz bis zum Hals. Er konnte sich nicht an die Dose erinnern. Was mochte in ihr auf sie warten? Alte Knöpfe vielleicht? Oder Münzen?

Neugierig stellte sich Florian hinter seinen Vater und beugte sich vor, um die Dose besser sehen zu können. Auf einer Seite glaubte er eine winzige goldene Inschrift zu erkennen, die aber mit den Jahren fast vollständig abgeblättert war.

Mia versuchte immer wieder, die Dose zu öffnen, doch jedes Mal rutschten ihre kleinen Finger vom Dosenrand ab, der ihre Hand bereits dunkelgrau gefärbt hatte. Frustriert schnaubte sie und reichte Florian die Dose.

Vorsichtig zog und drehte er an dem Deckel, bis sich der verbeulte Behälter mit einem leisen Kratzen endlich öffnete.

„Oh“, murmelte nun auch Florian, als er den Inhalt erkannte.

In der Dose lagen eine Handvoll alter Fotos, die vergilbt und wellig in ihr lagen.

Vorsichtig, als könnten sie bei der geringsten Berührung zu Staub zerfallen, nahm er die Bilder heraus. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er die Schnappschüsse aus seiner Polaroidkamera erkannte. Er hatte sie zum Geburtstag bekommen und erinnerte sich wieder lebhaft daran, wie er die ganzen Sommerferien damit verbracht hatte, alles und jeden zu fotografieren. Sein ganzes Taschengeld hatte er dafür ausgegeben, bis seine Mutter ihm am Ende der Ferien drohte, dass er für den Rest des Jahres allein die Küche aufräumen müsse, wenn er noch ein Foto von ihr schieße.

„Warum grinst du denn so? Zeig doch mal!“, unterbrach Mia seine Gedanken und zog ihn zu sich herunter.

Langsam blätterte Florian weiter durch die Bilder, während Mia sie neben ihm mit zusammengekniffenen Augen nach etwas abzusuchen schien, das ihr Interesse weckte.

„Das bist du!“, rief sie plötzlich laut neben seinem Ohr und tippte mit ihren staubigen Fingern auf das neue Foto, das zwei Jungen in etwa demselben Alter zeigte.

Florian schluckte schwer, als er die Person auf dem Bild neben sich erkannte. Er achtete nicht auf die weiteren Fragen, die das kleine Mädchen ungeduldig stellte. Vergessen geglaubte Erinnerungen an den Sommer stürmten auf ihn ein und ließen ihn unsicher auf den Beinen wanken.

„Das ist ja Simon …“, sagte Florian leise.

„Wer ist Simon?“, fragte Mia und musterte ihn neugierig.

Florian zuckte die Schultern, und bevor er etwas erwidern konnte, griff sein Vater nach dem Bild.

„Das ist doch der Junge vom See!“, platzte es aus ihm heraus, als er die Erinnerungen wieder zusammenfügte. Florian nickte stumm und reichte es seinem Vater, der es mit zusammengekniffenen Augen aus allen Richtungen begutachtete, als handelte es sich um eines seiner Beweisstücke von der Arbeit.

Er atmete lautstark aus und gab das Foto wieder zurück. „Das ist ganz schön lange her.“

„War es nicht dein erster, eigener Fall?“, fragte Florian, der sich nur noch vage daran erinnern konnte, wie sein Vater hier im Ort die Leitung der Polizeistation übernommen hatte.

„Der Junge vom See?“, fragte Mia neugierig und zog das Bild in Florians Hand etwas näher zu sich und durchbohrte es mit ihren Blicken, als könnte sie direkt aus dem Bild eine Antwort auf ihre Frage erhalten.

„Als dein Papa etwas älter war als du jetzt, da haben wir einen Jungen in der Nähe vom Campingplatz am See gefunden“, kam sein Vater Florian mit einer Erklärung zuvor. Sein Blick verlor sich in der Ferne und er verstummte für einen Moment, als er die Szene, wie sie Simon beim Angeln entdeckt hatten, erneut zu durchleben schien.

Mia sah ihren Großvater erwartungsvoll an und kaute auf ihrer Unterlippe, während sie darauf wartete, dass er weiter erzählte.

„Was ist dann passiert?“, fragte sie, als ihre Neugier sie übermannte.

Florians Vater blinzelte die Bilder weg und räusperte sich leise, bevor er immer noch gedankenverloren weitererzählte. „Er war ohnmächtig und als er wieder zu sich kam, redete er nur in einer fremden Sprache, die niemand bei uns entziffern konnten. Nachdem wir seine Eltern nicht ausfindig machen konnten, haben sich andere darum gekümmert, dass er ein neues Zuhause findet.“

"Und während dieser ersten Tage hat, bevor sich andere um ihn gekümmert haben, hat Opa ihn hier untergebracht, damit er nicht so alleine ist", beendete Florian die Zusammenfassung seines Vaters und schaute auf die Uhr. Kathie sollte in wenigen Augenblicken hier sein und die zerwühlten Reisetaschen von Mia lagen wie gerissene Tiere auf dem Boden und bluteten zerknäulte T-Shirts und Hosen auf den Holzboden.

"Aber das ist eine Geschichte für ein anderes Mal. Mama ist gleich da und so werdet ihr nicht abreisen können." Florian zeigte auf die ausgeweideten Taschen vor ihnen.

Mia stöhnte theatralisch, setzte sich aber ohne ein Widerwort zu ihren Taschen und stopfte die wahllos herausgezogenen Sachen wieder zurück.

Florian half ihr schweigend. In seinem Kopf überschlugen sich die Fragen, die er sich seit Jahren nicht mehr gestellt hatte. Was war wohl aus Simon geworden? Hatte Simon herausgefunden, wer er wirklich war und wie er wirklich hieß? Er versuchte sich vorzustellen, wie es sein musste, nicht zu wissen, wer man war und woher man kam, und ein eisiger Schauer lief ihm bei dem Gedanken über den Rücken. Er warf einen Blick auf seinen Vater, der schweigend und in Gedanken versunken im Türrahmen stand und Mia beim Aufräumen zu beobachten schien. Doch der leere Blick in seinen Augen verriet Florian, dass auch er von den alten Bildern eingeholt worden war.

Das Klingeln unten im Laden riss sie jäh aus ihren brütenden Gedanken. Mia quietschte vor Freude, sprang auf und rannte, ohne auf ihren Opa im Türrahmen zu achten, die Treppe hinunter in den Laden.

„Mia, pass auf, dass du nicht wieder auf der Treppe ausrutschst“, rief er ihr nach und eilte hinter ihr her.

Unter lautem Getöse rannte und stolperte Mia Stufe für Stufe nach unten, wo ihre Mutter mit roten Wangen und wehendem Haar in der offenen Ladentür stand und ihre Tochter mit einem strahlenden Lächeln und ausgestreckten Armen begrüßte.

„Hi Flo“, sagte sie mit einem warmen Lächeln, als sie ihn hinter Mia am Fuß der Treppe stehen sah, und löste sich sanft aus Mias Umarmung, um ihn ebenfalls mit einer Umarmung zu begrüßen. Ihr flüchtiger Kuss auf seine Wange kitzelte auf seiner Haut.

„Tut mir leid, dass ich so früh hier bin, aber der Verkehr wird immer schlimmer und ich will nicht am Flughafen festsitzen. Die meisten Flüge nach Oslo sind schon gestrichen.“

Florian nickte, trat einen Schritt zurück und warf einen Blick durch das Schaufenster nach draußen. Das Taxi, das vor dem Laden mit laufendem Motor wartete, war durch das Schneegestöber kaum zu erkennen.

"Alle Mann an Bord!", ertönte die Stimme von Florians Vater über ihnen. Er hatte schon einige der Reisetaschen in der Hand.

Kathie lachte. "Hallo Gerd, schön dich zu sehen", begrüßte sie ihn und nahm ihm die Taschen ab, als er neben Florian den Fuß der Treppe erreicht hatte.

Es dauerte nicht lange, bis Mias Sachen im Kofferraum des Taxis verstaut waren und schon nach wenigen Minuten standen sie fröstelnd vor der Buchhandlung. Wie immer kam der Abschied für Florian viel zu plötzlich und er schluckte den dicken Kloß in seinem Hals hinunter. Er zog Mia in eine letzte Umarmung, bevor sie für die nächsten Monate wieder ihr Leben in Schweden lebte. Eine Träne verirrte sich auf seine Wange, als er die feste Umarmung seiner Tochter spürte. "Sei brav, kleine Maus, und ärgere Mama nicht zu sehr, bis du wieder hier bist", sagte er mit rauer Stimme. Er spürte das Nicken in ihrem Kopf und zog sie noch fester in die Umarmung, die nie enden sollte.

"He! Du erdrückst mich, Papa!", protestierte Mia an seinem Ohr und versuchte sich kichernd aus seiner Umarmung zu befreien, als er mit seinem stoppeligen Kinn über ihre weiche Wange kratzte.

"Kann gar nicht sein! Ich habe dich doch zum Fressen gern!", lachte er und kitzelte sie noch einmal mit seinem Bart, bevor er sich von ihr löste und sie zum Taxi führte.

"Du, Papa?", ließ ihn Mias bittende Stimme in seiner Bewegung innehalten, als er die Tür des Taxis zufallen lassen wollte. "Kannst du mir das nächste Mal mehr von dem Jungen erzählen?" In ihren Augen brannte noch immer diese ungestillte Neugier.

Florian nickte. Er versprach es ihr, auch wenn er nicht viel mehr wusste. Er würde sich für seine Tochter eine interessante Geschichte mit einem guten Ende ausdenken müssen.

Er schloss die Tür und gab dem Fahrer mit einem Klopfen auf das Dach das Zeichen zum Losfahren. Fröstelnd blieb er mit seinem Vater und Elsa vor der Buchhandlung stehen und winkte dem Taxi nach, bis es im dichten Schneetreiben verschwunden war. Immer wieder spielten ihm seine Augen einen Streich, als sie in den wilden Bewegungen der Flocken die Umrisse des geheimnisvollen Jungen zu erkennen glaubten. Er blinzelte sie weg und folgte den anderen zurück in den Laden, um sich von den unbeantworteten Fragen in seinem Kopf abzulenken. Es hatte keinen Sinn, sich über Dinge den Kopf zu zerbrechen, die so lange her waren.