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Season 1

Episode 4

Simon streckte seine müden Glieder, als er aus dem Auto stieg und Rebecca sich in die lange Schlange der Wartenden mit ihrem Auto vor den Zapfsäulen einreihte. Sein Rücken schmerzte von der langen Fahrt in Rebeccas alter Mühle und er war froh, sich wenigstens für ein paar Minuten die Beine vertreten zu können. Ein eisiger Wind fegte Schneeflocken wirbelnd vor sich her über die weitläufige Fläche, auf der die Autos dicht an dicht standen, als suchten sie die schützende Wärme des anderen.

Er schlug den Kragen seiner Jacke hoch und eilte durch die klirrende Kälte in den Tankstellenshop, der ihn warm und muffig empfing. Ziellos schlenderte er durch die Regalreihen, füllte seinen Korb mit Weingummi, Lakritz und anderen Süßigkeiten und zwang sich, nicht gleich an Ort und Stelle dem Hunger nachzugeben und eine der Tüten aufzureißen. Einen Gang weiter fand er Chips und Käsestangen, die er zu den anderen Sachen in den Korb warf und dabei seinen Magen ignorierte, der bei ihrem Anblick laut knurrte.

Durch die große Fensterfront des Shops konnte Simon den Vorplatz der Tankstelle überblicken. Sein Blick wanderte suchend über die Zapfsäulen, bis er Rebecca entdeckte, die neben ihrem alten Volvo stand und auf das Ende des Tankvorgangs wartete. Ihre Silhouette zeichnete sich dunkel gegen das grelle Licht der Tankstelle ab. Wie betäubt von der Kälte und dem unaufhörlichen Schneetreiben standen vereinzelt weitere Kunden neben ihren Fahrzeugen, die Schultern hochgezogen, die Hände tief in den Taschen vergraben. Ihre Blicke waren starr auf die Zähler der Zapfsäulen gerichtet, die in atemberaubender Geschwindigkeit in astronomische Höhen kletterten.

Für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke, und sie nickte ihm zu, die Hände tief in den Taschen ihrer Daunenjacke vergraben. Sie waren wieder startklar. Er musste nur noch bezahlen, dann konnte es weitergehen. Allein der Gedanke, dass er in wenigen Stunden vielleicht eine Antwort auf die vielen Fragen bekommen würde, die ihn seit seiner Kindheit beschäftigten, ließ sein Herz in der Brust schneller schlagen. Er drängte den Gedanken zurück. Auf keinen Fall wollte er sich falschen Hoffnungen hingeben!

Auf dem Weg zur Kasse, an der eine junge Frau mit blonden Haaren routiniert die Gäste bediente, fiel ihm ein Mann auf, der mit intensivem Blick die Umgebung sondierte. Etwas an ihm zog Simon magisch an. Vielleicht waren es die kurzen, fast weißen blonden Haare oder seine angespannte Körperhaltung, die den Eindruck vermittelte, er erwarte jeden Moment einen Angriff aus einem Hinterhalt.

Einem Impuls folgend, als wäre ihm im letzten Moment eingefallen, was ihm fehlte, bog er in die Regalreihe des Mannes ein. Er verlangsamte seinen Schritt und musterte den Mann unauffällig aus den Augenwinkeln, während er seine Hand über einige der Waschpulverkartons gleiten ließ, als suche er das Richtige. Die Kleidung des Mannes war für diese Jahreszeit ungewöhnlich dünn, fast sommerlich, und schimmerte wie flüssige Seide. In der Hand hielt er ein paar Müsliriegel und einen kleinen schwarzen Gegenstand, den er unruhig in der Hand drehte und wendete, wie einen dieser Stressbälle, von denen Simons Chef eine große Auswahl auf seinem Schreibtisch liegen hatte.

Der Mann schien Simon nicht bemerkt zu haben, denn sein Blick war immer noch auf die Verkäuferin und den Ausgang neben ihr gerichtet, als warte er auf etwas. Er stand regungslos da, auch als Simon direkt neben ihm stehen blieb und ebenfalls ein paar Riegel aus dem Regal vor ihm nahm und in den Einkaufskorb warf und ihre Arme flüchtig berührten.

Simon griff in das Regal vor ihnen und ließ ein paar Müsliriegel in seinen Einkaufskorb fallen. Wie zufällig streifte sein Arm den Ärmel des Fremden, doch der reagierte nicht. Kein Wimpernzucken, keine noch so kleine Bewegung zeugte davon, dass er Simons Anwesenheit zur Kenntnis genommen hatte.

Neugierig ließ er seinen Blick vom Arm über den Körper des Fremden gleiten. Erst jetzt, aus der Nähe, registrierte Simon die seltsame Bewegung im Stoff der Kleidung. Farbschlieren zogen wie psychedelische Wolken über die glänzende Oberfläche und wirbelten träge ineinander. Sofort musste er an das hypnotische Schauspiel der Nordlichter zu Hause denken, die den Nachthimmel in ein magisches Grün und Violett tauchten.

Wie gebannt starrte Simon auf das seltsame Spiel der Farben, das sich vor seinen Augen entfaltete. Etwas in ihm drängte ihn, den schimmernden Stoff zu berühren. Er musste herausfinden, wie es sich anfühlte. Ganz von selbst hob sich seine Hand und streckte sich, wie von einer unsichtbaren Kraft geführt, dem Arm des Fremden entgegen.

„Unglaublich …“, murmelte er, die Augen vor Staunen weit aufgerissen. Seine Fingerspitzen schwebten nur wenige Zentimeter über dem geheimnisvollen Material. Es reagierte auf seine Nähe und farbenfrohe Wirbel bildeten sich unter ihnen. Ein leichtes Kribbeln breitete sich auf seiner Haut aus, als sich die feinen Härchen auf seinem Arm langsam aufrichteten, als ginge von dem Anzug ein elektrisches Feld aus. 

„Wo bekommt man so etwas her?“ Die Worte kamen aus seinem Mund, ohne dass er darüber nachdachte, zu fasziniert war er von dem hypnotischen Farbenspiel vor ihm. Vorsichtig berührte er mit der Fingerspitze den Ärmel und erschrak über die Kälte, die von dem Stoff in seinen Körper strömte.

Der Kopf des Fremden zuckte herum zu ihm und die violettfarbenen Augen des Mannes weiteten sich vor Schreck, als er Simon neben sich zum ersten Mal wirklich zu bemerken schien. Bläuliche Sprenkel durchzogen die unnatürliche Farbe der Iris, und es war Simon unmöglich, den Blick von dem Mann abzuwenden. 

Er wusste, dass er ihn anstarrte und ihn wahrscheinlich für einen krankhaften Perversen hielt, aber er konnte nichts dagegen tun. Erschrocken stolperte der Mann einen Schritt zurück und stieß keuchend mit dem Rücken gegen das Regal hinter ihm, das bedrohlich schwankte und einige Flaschen gefährlich ins Wanken brachte. Die Verkäuferin an der Kasse blickte alarmiert auf und warf Simon einen wütenden Blick zu, als sei er der Grund für die Unruhe. Entschuldigend hob er die Arme und wandte seinen Blick wieder dem Fremden zu, der sich hektisch umschaute, als suche er einen Fluchtweg.

„Sorry. Es tut mir wirklich leid. Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist. Ist … ist alles in Ordnung?“, versuchte er sich für seine Übergriffigkeit zu entschuldigen. Sein Gesicht brannte von der Hitze, die in ihm aufstieg. Er machte einen kleinen Schritt auf den Mann zu, der ihn immer noch mit weit aufgerissenen Augen anstarrte und sich gegen das Regal hinter ihm drückte, als wolle er mit ihm verschmelzen und vor seinen Augen verschwinden.

Ein Zischen hinter ihm und eine Bewegung aus dem Augenwinkel ließen Simon auf dem Absatz herumfahren. Sein Herz raste, als erwartete er einen Angriff aus dem Hinterhalt. Doch es beruhigte sich schnell, als er Rebecca in der sich öffnenden Ladentür erkannte. Sie trat einen Schritt in den Laden und blickte ihn suchend an. Ihre Wangen waren von der Kälte ganz rot und in ihren Augen lag eine Ungeduld, die Simon unbedingt mit seinen Einkäufen besänftigen musste, bevor sie weiterfahren konnten. Er gab ihr ein Zeichen, dass er gleich fertig sei und drehte sich wieder um. Er wollte den Mann wenigstens fragen, ob …

„Was zum …“ Simon blieb mitten in der Bewegung stehen und drehte sich suchend um. Er war allein im Gang zwischen den Regalen. Der Mann, der eben noch vor ihm stand, war von einer Sekunde auf die andere verschwunden! Noch immer spürte er die elektrisierende Wirkung seiner Anwesenheit. Sein Herz hämmerte laut in seinen Ohren und er brauchte einen Moment, um sich zu sammeln. Hastig ging Simon zur Kasse und bezahlte die Auswahl an völlig ungesunden Snacks, die ihnen genug Energie für den letzten Abschnitt ihrer Reise geben sollten.

„Nur die Sachen?“, fragte die Frau an der Kasse, schenkte ihm ein geübtes Lächeln und zeigte auf den Inhalt des Einkaufskorbes.
Simon schüttelte den Kopf, suchte die Zapfsäulennummer neben Rebeccas Auto und zeigte mit dem Finger nach draußen. 

„Die 5 noch“, antwortete Simon und erschrak vor seiner brüchigen Stimme. Er räusperte sich und blickte verstohlen dorthin, wo der Fremde vor wenigen Minuten gestanden hatte. 

Enttäuscht stellte er fest, dass er noch immer verschwunden war. Etwas in ihm hatte gehofft, noch einmal einen Blick auf den Mann mit den geheimnisvollen Augen werfen zu können. Die Verkäuferin nickte und begann routiniert, die Sachen in seinem Korb über den Scanner zu ziehen. 

Simon kramte das Geld aus der Tasche und zuckte erschrocken zusammen, als er aus dem Augenwinkel eine schattenhafte Bewegung wahrnahm. Eine dunkle Gestalt huschte an ihm vorbei und jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken. Er drehte sich um, sah aber nur ein junges Paar, das gerade durch die Tür nach draußen trat.  Ein kalter Luftzug wehte an ihnen vorbei in den Laden und ließ die Zeitschriften neben der Kasse rascheln. 

Für einen kurzen Moment sah Simon eine verschwommene Bewegung neben dem Paar auftauchen. Es schien den Mann zu streifen und ließ ihn auf dem matschigen Boden stolpern. Seine Freundin stieß einen erschrockenen Schrei aus, als ihr Freund wild mit den Armen ruderte, um sein Gleichgewicht wiederzufinden, und griff beherzt zu. Der Mann schaute sich suchend um und rief Rebecca eine Frage zu. Sie blickte von ihrem Handy auf und schüttelte nur den Kopf. Er drehte sich wieder zu seiner Freundin um und deutete auf eine Stelle neben sich, bevor er wild zu gestikulieren begann. Simon sah die Verwirrung auf dem Gesicht der Frau. Sie lächelte und zuckte nur hilflos mit den Schultern, dann nahm sie ihren Freund bei der Hand und schien ihn zum Gehen aufzufordern. Unentschlossen drehte sich ihr Freund noch einmal um, als würde er etwas suchen. Dann setzten sie sich wieder in Bewegung und verschwanden im dichten Schneetreiben.

Konnte es sein, dass der Unbekannte unerkannt an ihnen vorbeigelaufen war? Ein hilfloses Lächeln huschte über sein Gesicht und er schüttelte den Kopf, als er sich wieder der Verkäuferin zuwandte und ihr das Geld reichte. Sein müder Verstand spielte ihm offensichtlich einen Streich. Die letzten Tage nach dem Brief von dem Unbekannten waren offensichtlich nicht spurlos an ihm vorübergegangen.

Simon verabschiedete sich und eilte mit der Tüte voller Snacks nach draußen, wo Rebecca ungeduldig auf ihn wartete. Die Tür öffnete sich vor ihm und ein kalter Wind empfing ihn.

„Da bist du ja endlich!“, begrüßte ihn seine Freundin. Rebeccas Gesicht verschwand hinter einer dicken Dampfwolke, als sie ausatmete und gierig in die Tüte griff, kaum dass er in Reichweite gekommen war.

Simon überließ ihr die Sichtung seines Einkaufs, während er seinen Blick suchend über den Parkplatz schweifen ließ. Weder von dem Paar noch von dem Unbekannten war eine Spur zu sehen. Doch plötzlich zog ein kleines Etwas am Boden, nur wenige Meter von ihm entfernt, seine Aufmerksamkeit auf sich. Sein Puls beschleunigte sich. Das war doch die Stelle, wo der Typ ausgerutscht war! Hatte er vielleicht etwas dabei verloren? Simon machte einen Schritt und beugte sich zu dem kleinen Objekt hinunter. Im Matsch lag es und fiel kaum auf zwischen den grauen Steinchen des Streuguts, das den Weg halbwegs freihalten sollte. Simon griff danach und befreite es von dem Schmutz. Es lag warm in seiner Hand und erinnerte ihn an einen rundgewaschenen Stein, den man aus seinem Urlaub vom Strand mitbrachte. Wieder war da dieses elektrische Kribbeln in seiner Hand. Vorsichtig schloss er seine Hand darum, als wäre es ein rohes Ei.

„Alles in Ordnung?“, fragte Rebecca neugierig und stellte sich neben ihn. Er hörte das Knistern eines Papiers, das sie kraftvoll über ihm aufriss. „Ja. Alles in Ordnung. Ich dachte nur, ich hätte etwas gesehen. War aber nur ein hübscher Stein“, sagte er, stand auf und streckte ihr die Hand entgegen. Rebecca warf einen gelangweilten Blick auf die schwarze Kugel, die immer noch eine angenehme Wärme verbreitete, und biss in ihren Schokoriegel.


„Ach, hast du gerade einen Mann in so einem Seidenanzug an dir vorbeigehen sehen?“, fragte er seine Freundin beiläufig und beobachtete sie neugierig, während sie nachdenklich durch ihn hindurchzuschauen schien.

„Nee, habe ich nicht … Da war nur so ein Typ, der vor seiner Freundin fast eine Bauchlandung im Dreck gemacht hätte.“ Ein Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Er hat allen Ernstes behauptet, er sei gegen etwas gelaufen und nicht nur ausgerutscht.“ Rebecca schüttelte den Kopf und lachte, als hätte ihr jemand einen schlechten Witz erzählt. „Männer … finden wirklich die lächerlichsten Ausreden, wenn sie einfach den Halt verlieren und vor ihren Freundinnen auf die Fresse fallen.“

Simon stimmte in ihr Lachen ein. Der Anblick war wirklich zu komisch gewesen. Unablässig spielte er mit dem kleinen, warmen Gegenstand in seiner Tasche herum. „Hey. Ich gehe nochmal kurz aufs Klo. Dann können wir los.“

Rebecca nickte und war bereits wieder dabei, einen weiteren Snack aus der Tüte zu fischen. „Grüß mir deinen Typen, wenn du ihn auf dem Klo triffst!“, rief sie ihm hinterher und lachte.

„Was? … Hä? Nein! Deswegen gehe ich da jetzt nicht hin!“, wehrte sich Simon und stemmte mit gespielter Empörung die Hände in die Seiten. Rebecca nickte mit übertrieben hochgezogenen Augenbrauen und einem frechen Grinsen im Gesicht. Beide brachen in schallendes Gelächter aus. 

 „Beeilt euch! Und jammer nicht, wenn gleich nichts mehr von dem Kram in der Tüte ist“, rief sie ihm hinterher und biss noch einmal demonstrativ laut in ihren Riegel. Sie war kaum zu verstehen, so voll hatte sie sich den Mund bereits gestopft. 

Simon hob die Hand und zeigte ihr den ausgestreckten Mittelfinger über die Schulter, bevor er um die Ecke verschwand, wo sich der Eingang zu den Toiletten befand.


Mit jedem Schritt wuchs die Neugier in Simon. Der kleine Gegenstand in seiner Hand fühlte sich für seine Größe seltsam schwer an und strahlte noch immer diese sonderbare Wärme ab, die seine Tasche auf einer angenehmen Temperatur hielt. War das vielleicht schon des Rätsels Lösung? Hatte der Typ bei seinem Sturz einfach nur einen kleinen Taschenwärmer verloren?

Zögernd blieb er kurz vor dem Toiletteneingang stehen und warf einen letzten suchenden Blick über den Parkplatz. Ganz wollte er die Hoffnung noch nicht aufgeben, dass er den Mann aus dem Shop nicht noch einmal wiedersehen würde.
Doch der Parkplatz lag verlassen vor ihm. Die wenigen Menschen, die noch da waren, hatten sich längst vor Kälte und Schnee in ihre Autos geflüchtet oder saßen bei einer Tasse Kaffee in der Raststätte und warteten auf Besserung. Die dicken Flocken, die sie seit Stunden begleiteten und die Welt um sie herum unermüdlich in ein schneegepudertes Winterwunderland verwandelten, fielen nun noch dichter vom Himmel und machten es fast unmöglich, mehr als nur verschwommene Konturen zu erkennen. 

Er war allein in der Toilette. Nur die weihnachtliche Musik, die leise aus den Lautsprechern über ihm dudelte, verdrängte die geisterhafte Stille. Weder der Wind noch das stete Rauschen des Verkehrs war durch die Wände zu hören.

Simon steuerte geradewegs auf eine der freien Kabinen zu und schloss sich ein. Auf keinen Fall wollte er bei seiner Untersuchung überrascht werden. Auch nicht von Rebecca.

Der Taschenwärmer in seiner Hand war nicht viel größer als eine Kastanie und hatte auch fast die gleiche Form. Simon ließ seine Fingerspitzen über die warme und glatte Oberfläche gleiten. Sie war von einem matten Schwarz, das kaum Licht reflektierte. Ein angenehmes Gefühl breitete sich auf seiner Haut aus, fast, als würde er etwas Lebendiges berühren.
Er schloss die Augen und konzentrierte sich ganz auf das Gefühl unter seinen Fingerspitzen, während er langsam über die Oberfläche strich. Plötzlich hielt er inne. War da nicht eine kleine Unebenheit? Sein Herzschlag beschleunigte sich, als er die Augen öffnete und im Licht der Deckenbeleuchtung eine feine Naht erkannte, die eine kleine runde Stelle umgab. Er fuhr noch einmal darüber und spürte, wie sie unter dem Druck seines Fingers leicht nachgab. Aufgeregt starrte er auf die Stelle, an der eben noch sein Daumen gelegen hatte.
Zögernd betrachtete er die kaum sichtbare Naht genauer. Konnte das ein versenkter Knopf sein? Simon war sich fast sicher. Aber was würde passieren, wenn er darauf drückte? Stirnrunzelnd betrachtete er die schwarze Kugel in seiner Hand, als warte er auf eine Antwort. Doch nichts geschah. Er lachte laut auf und erschrak fast über das Echo seiner eigenen Stimme. Was dachte er sich nur? Wahrscheinlich war es wirklich nur ein Taschenwärmer und es würde nichts passieren, außer dass er ausging. Aber seine Neugier ließ ihn nicht los. Noch einmal glitt sein Finger über die Stelle, spürte die leichte Erhebung und drückte ohne weiteres Zögern den Daumen darauf.
Mit angehaltenem Atem wartete Simon, die Muskeln angespannt und den Blick starr auf die Kugel gerichtet. Sein Herz hämmerte gegen seine Brust, als würde es jeden Moment zerspringen. Doch nichts geschah. Keine Explosion, kein Knall, nicht einmal ein Funken. Enttäuscht ließ er die Schultern sinken und atmete langsam aus. Die Wärme, die von der Kugel ausging, war immer noch da und strömte beruhigend in seine Hand.
Oder bildete er sich das nur ein? Simon runzelte die Stirn und konzentrierte sich auf das Gefühl in seiner Handfläche. Wurde die Kugel nicht doch heißer? Er schloss seine Finger fester um das glatte Material und versuchte, einen Unterschied zu erspüren. Mit zusammengekniffenen Augen hielt er die Kugel dicht vor sein Gesicht und suchte die Oberfläche nach irgendeiner Veränderung ab.
Im nächsten Moment durchzuckte ein gleißend heller Blitz die Kabine, so grell, dass Simon reflexartig die Augen zusammenkniff. Doch es war zu spät. Das Licht brannte sich durch seine geschlossenen Lider und explodierte in seinem Kopf zu einem Feuerwerk aus Schmerz. Mit einem panischen Schrei taumelte er rückwärts, die Hände schützend vors Gesicht geschlagen. Sein Fuß verfing sich an der Toilette hinter ihm und er stürzte mit wild rudernden Armen zu Boden.
Stöhnend rollte sich Simon auf den Rücken, die Augen immer noch fest zugepresst. Bunte Punkte tanzten hinter seinen Lidern und ließen die Welt um ihn herum verschwimmen. Irgendwo neben ihm polterte es, als gebrauchte Klorollen von dem Vorsprung über ihm rollten und dumpf neben ihm auf den schmierigen, kühlen Fliesen aufprallten. Sein Kopf dröhnte, als hätte jemand eine Sirene in seinem Schädel eingeschaltet. Was zur Hölle war gerade passiert?

Es klopfte laut an der Tür zu seiner Kabine und ließ Simon erschrocken zusammenzucken. „Alles in Ordnung da drin?“, fragte eine besorgte Stimme von der anderen Seite der Tür. Polierte Schuhspitzen schoben sich ein Stück weit unter der Tür hindurch und reflektierten die hellen Lichter an der Decke.


„Ähm … ja. Ja, alles in Ordnung“, krächzte Simon und räusperte sich laut. „Ich habe mich nur unglücklich gestoßen“, versicherte er der besorgten Stimme auf der anderen Seite und zog sich benommen an der Schüssel wieder hoch.
„Aha … okay. Dann noch alles Gute“, erwiderte die Stimme des Mannes, der sich bereits wieder zum Gehen wandte.
Die Schuhe verschwanden unter der Tür und das laute Klacken der harten Absätze hallte von den Wänden wider, vermischte sich mit dem Pochen in Simons Schläfen zu einer schmerzhaften Kakophonie.Mit zusammengekniffenen Augen rieb sich Simon das Gesicht, versuchte die bunten Flecken zu vertreiben, die vor seinem inneren Auge tanzten. Vorsichtig öffnete er einen Spaltbreit die Lider und betrachtete den dunklen Gegenstand in seiner zitternden Hand. Doch so sehr er auch suchte, nirgendwo entdeckte er die Quelle des gleißenden Blitzes, der ihn eben noch geblendet hatte.
Zögernd hob er die seltsame Kugel ans Ohr, hielt den Atem an und lauschte. Im Hintergrund dudelte die Weihnachtsmusik, vermischte sich mit dem Rauschen seines Blutes zu einem surrealen Soundtrack, der alles zu überlagern schien. Simon schloss die Augen und konzentrierte sich ganz auf den Gegenstand, der sich warm und seltsam lebendig an seine Haut schmiegte. Er zwang sich, ruhig und gleichmäßig zu atmen. Langsam verschwand das laute Rauschen und Pochen seines Herzschlags in seinen Ohren. Ein leises Surren oder Brummen schien von dem Ding auszugehen, kaum hörbar und doch eindeutig da. Irritiert runzelte Simon die Stirn. Konnte das sein? Oder spielten ihm seine überreizten Sinne einen Streich?
In diesem Moment vibrierte sein Handy in der Hosentasche, so unvermittelt, dass Simon vor Schreck zusammenzuckte und beinahe wieder auf den Fliesen ausrutschte. Hektisch suchte er nach Halt und bemerkte sofort seinen Fehler. Wie in Zeitlupe sah er die schwarze Kugel seinen Fingern entgleiten. Sie fiel zu Boden, das helle Klacken ihres Aufpralls überlaut in der Enge der Kabine. Fassungslos und unfähig, sich zu bewegen, beobachtete Simon, wie sie über die Fliesen hüpfte und sich ihren Weg in Richtung Ausgang suchte.
„Scheiße!“, fluchte er laut und warf sich auf die Knie, die Hände ausgestreckt nach dem flüchtigen Objekt. Doch es schien ihm wie durch Zauberei zu entkommen. Bei jedem Satz änderte es seine Richtung und wich seinen klammen Fingern aus wie ein lebendiges Wesen. Hektisch kroch Simon über den schmutzigen Boden, ignorierte den Ekel, der in ihm aufstieg. Er musste die Kugel erwischen, bevor sie in die Freiheit entkam!
In kurzen Sprüngen näherte sie sich der Seitenwand der Toilette und Simon sah sie schon in einem Abfluss oder unter der Trennwand zu einer der anderen Kabinen verschwinden. Bei seinem Glück würde wahrscheinlich genau in dem Moment jemand dazukommen und ihn in dieser unwürdigen Position überraschen. Aber es war ihm egal. Alles, was zählte, war dieses seltsame Ding, das möglicherweise der Schlüssel zu etwas Unglaublichem war.
Mit einem verzweifelten Hechtsprung warf sich Simon nach vorne, die Arme ausgestreckt, und landete mit einem dumpfen Laut auf dem harten Boden. Für einen Moment lag er benommen da, das Gesicht gegen die kühlen Fliesen gepresst, und lauschte auf das rasche Pochen seines Herzens. Dann, ganz langsam, wagte er es, die Augen zu öffnen und seine Finger zu bewegen. Da war sie, eingeklemmt zwischen seiner Handfläche und dem Boden, die geheimnisvolle Kugel. Erleichtert atmete Simon auf und rollte sich auf den Rücken. Er hatte sie! Jetzt würde er hoffentlich herausfinden, was es mit diesem seltsamen Ding auf sich hatte.Mit zitternden Fingern steckte Simon die geheimnisvolle Kugel zurück in seine Jackentasche. Sein Kopf schwirrte vor Fragen und Theorien, die sich wie ein wildes Kaleidoskop in seinem Verstand drehten. Was hatte es mit diesem seltsamen Gegenstand auf sich und woher kam er? Es war offensichtlich, dass es sich nicht um einen banalen Taschenwärmer handeln konnte!
Ein Teil von ihm wollte nichts mehr, als sofort in die Kabine zurückzukehren, die Tür hinter sich zu verriegeln und jedes noch so kleine Detail der Kugel zu untersuchen, bis er eine Antwort fand. Aber Rebeccas Anrufe erinnerten ihn daran, dass er nicht ewig auf der Toilette einer Autobahnraststätte verschwinden konnte. Sie wartete auf ihn, und wenn er sie nicht bald erreichte, würde sie wahrscheinlich ohne ihn losfahren. Er kannte sie. Da war sie knallhart.
Seufzend fuhr sich Simon durch die Haare und zuckte vor Ekel zusammen, als ihm einfiel, wo die Hände noch vor wenigen Sekunden gewesen waren. Sobald sie im Hotel angekommen waren, würde er die Kugel genauer untersuchen und Rebecca einweihen.
Entschlossen nickte er seinem Spiegelbild an den Waschbecken zu, straffte die Schultern und wusch sich die Hände, bevor er hinaus in die Kälte trat. Die eisige Luft schlug ihm wie eine Wand entgegen und ließ seinen Atem in weißen Wolken vor seinem Gesicht kondensieren. Fröstelnd zog er den Reißverschluss seiner Jacke bis zum Kinn hoch und vergrub die Hände tief in den Taschen.
Während er sich durch die Schneeverwehungen kämpfte und versuchte, das Auto zu erspähen, kreisten seine Gedanken unablässig um die Frage, was Rebecca von seinem Erlebnis halten würde. Würde sie ihm glauben oder ihn für verrückt erklären? Vielleicht war es besser, vorerst noch nichts zu sagen und erst einmal selbst herauszufinden, was es mit der Kugel auf sich hatte. Andererseits brannte es ihm unter den Nägeln, sein Geheimnis mit jemandem zu teilen – und wer wäre besser geeignet als seine beste Freundin?


„Mann Simon, was soll das?“, rief Rebecca ihm laut zu, als er endlich das Auto erreicht hatte. Sie warf ihre Zigarette verärgert in den Schnee und setzte sich hinter das Steuer. Die Tür knallte zu und Simon zuckte zusammen. Zitternd vor Kälte ließ er sich auf den Beifahrersitz fallen und warf ihr einen entschuldigenden Blick zu. Der Motor startete und warme Luft strömte in den Innenraum.

Simon streckte dankbar seine klammen Hände den Düsen entgegen. „Sorry, Becs“, keuchte er außer Atem und rieb sich die Finger. „Ich hab ewig gebraucht, das Auto zu finden. Bei dem Schneetreiben sehen alle Wagen gleich aus.“

Rebecca hob eine Augenbraue. „Willst du mir erzählen, dass du dich auf dem kleinen Parkplatz verlaufen hast?“

Simon zuckte mit den Schultern und erntete ein genervtes Stöhnen von ihr.

„Unglaublich. Wie willst du deine Reise überleben, wenn du schon hier Probleme hast?“, murrte sie und fügte hinzu: „Und warum gehst du nicht ans Telefon, wenn ich anrufe?“

„Ich war auf dem Klo und …“

„Aber doch nicht über vierzig Minuten lang!“, unterbrach sie ihn kopfschüttelnd. Ihre Augen fixierten ihn, während sie auf eine Antwort wartete. Simon öffnete sprachlos den Mund, suchte nach einer Erklärung, aber ihm fiel keine ein.

„Ich …“, begann Simon, aber die Worte blieben ihm im Hals stecken. Wie konnte er nur so lange weg sein? Er war doch nur ein paar Minuten in der Kabine gewesen, um dieses seltsame Ding zu untersuchen. Das Ding! Mit fahrigen Bewegungen zog er es aus seiner Tasche und hielt es Rebecca hin.

Sie runzelte die Stirn, als er sie mit großen Augen anstarrte und versuchte, ihr in abgehackten Sätzen alles zu erklären.
„...und dann ist dieser Schatten an mir vorbei und muss den Kerl auf seiner Flucht gestreift haben. Dabei hat er das hier verloren“, beendete Simon seine Erzählung und sah Rebecca erwartungsvoll an. Sie drehte die schwarze Kugel in ihren Händen und betrachtete sie eingehend. Ihre Augenbrauen zuckten nachdenklich.

„Ich dachte, ich hätte mir die Gestalt nur eingebildet. Dass mein Kopf Dinge in den Dampf hinein fantasiert“, murmelte sie, mehr zu sich selbst, und ließ die Kugel von einer Hand in die andere wandern. „Und du bist sicher, dass sie von dem Unbekannten ist?“

Simon nickte heftig, erleichtert, dass Rebecca ihm glaubte. Ihr genervter Gesichtsausdruck war einem neugierigen Funkeln in ihren Augen gewichen. „Ganz sicher. Das ist bestimmt irgendeine Geheimdiensttechnik.“

Rebecca nickte langsam und zuckte mit den Schultern. „Könnte sein. Vielleicht hast du in der Kabine versehentlich eine Blendgranate oder so was ausgelöst. Oder es ist einfach nur ein Scherzartikel.“
Sie gab ihm die Kugel zurück und löste die Handbremse. „Wir können uns im Hotel weiter den Kopf darüber zerbrechen. Ich will hier nicht länger rumstehen, falls ein Agent sein Spielzeug zurückwill.“

Beide lachten ausgelassen, als sie langsam wieder auf die Autobahn fuhren. Simon hatte die Routenplanung auf seinem Handy geöffnet. Kirschrot leuchteten die Straßen auf dem Display. Das letzte Stück würde bei dem Verkehr noch eine Weile dauern.